Dr. Cordula Tollmien Emmy Noether Rezeptionsgeschichte

Öffentliche Würdigung von
Emmy Noether in Deutschland

Die öffentliche Wahrnehmung von Emmy Noether in Deutschland auch im außermathematischen Bereich ist in den letzten Jahren enorm gestiegen.

Das war nicht immer so: Noch während meines Mathematikstudiums in Göttingen 1970 bis 1975 habe ich ihren Namen kein einziges Mal gehört, obwohl in Göttingen damals noch einer ihrer Schüler, nämlich Max Deuring, lehrte und ich natürlich auch Bartel van der Waerden Lehrbuch "Algebra" (früher unter dem Titel "Moderne Algebra") benutzt habe, in dem vermerkt ist, dass es auf Vorlesungen von "E. Artin und E. Noether" aufbaut. Ich wusste damals einfach nicht, dass sich unter dem E. vor Noether nicht auch ein Emil oder ein Ernst verbarg, sondern eine Emmy. Hermann Grell dagegen, der nach dem Krieg einen Lehrstuhl an der Humboldt Universität in Berlin hatte, hat immer sehr viel Wert darauf gelegt, dass er ein Schüler Emmy Noethers war. Er hat nicht nur schon 1952 in seinem Institut Emmy Noethers 70. Geburtstag mit einer kleinen Feier gedacht und bei einer öffentlichen Gedenkfeier für Hermann Weyl 1965 auch Emmy Noether angemessen gewürdigt, er ist auch der einzige Schüler Emmy Noethers, bei dessen Daten in Poggendorfs literarisch-biographischen Handwörterbuch "Schüler von Emmy Noether" vermerkt ist. (Siehe dazu Auguste Dick, Emmy Noether, 1970, S. 22).

Vor allem ihre Geburtsstadt Erlangen ist mit der Würdigung von Emmy Noether vorangegangen. Eine ausführliche Darstellung der dortigen Aktivitäten finden Sie hier.

Göttingen, die Stadt, in der Emmy Noether ihre größte wissenschaftliche Wirksamkeit entfaltete, hat sich lange eher schwer getan, Emmy Noether angemessen zu würdigen. Eine Überblick über die Wahrnehmung Emmy Noethers in Göttingen finden Sie hier.

Überregional ist vor allem das DFG-Förderprogramm für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach der Promotion hervorzuheben, das es seit 1998 gibt. Ebenfalls erwähnenswert:

  • 1992: Seit 1992 nennt die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind e.V. ihren alljährlich vergebenen Preis in einem internationalen Schülerwettbewerb in Mathematik "Emmy-Noether-Preis".
  • 1994: 1994 war Emmy Noether beim Bundeswettbewerb Mathematik Leitfigur und Rahmenthema.

    Auch in anderen Städten bzw. Universitäten gab und gibt es verschiedene an Emmy Noether erinnernde Aktivitäten:

  • 1997: Ursula Brechtken-Manderscheid vom mathematischen Institut der Universität Würzburg hat 1997 eine Ausstellung über Emmy Noether konzipiert, die zu einem großen Teil auf dem 1990 erschienenen grundlegenden Aufsatz von Cordula Tollmien und dort erstmals publizierten Quellen beruht. Die Ausstellung kann ausgeliehen werden. Sie wurde u.a. in Braunschweig (2000), München (2000), Hildesheim (2001), Göttingen (2001) und Hannover (2005)gezeigt.

    Dokumentation zur Ausstellung

    Leben und Werk der Mathematikerin

    Emmy Noether

    1882 - 1935

  • 2005: Der Heidelberger Mathematiker Peter Roquette hat 2005 gemeinsam mit Franz Lemmermeyer den Briefwechsel zwischen Helmut Hasse und Emmy Noether ins Netz gestellt. Von ihm stammt auch ein kleiner Vortrag zu Emmy Noethers Geburtstag am 23. März 2006, in dem er die von ihm wiederentdeckte, verloren geglaubte Rede, die Hermann Weyl am Sarg Emmy Noethers am 18. April 1935 hielt, veröffentlichte. Auf der Seite des Briefwechsels mit Hasse findet sich außerdem der Nachruf van der Waerdens auf Emmy Noether aus dem Jahre 1935, und Roquette hat schon 1997 auch die Erinnerungen van der Waerdens an "Meine Göttinger Lehrjahre" publiziert, in denen Emmy Noether eine prominente Rolle spielt. Diese Quellenpublikationen befördern natürlich die Rezeption von Emmy Noethers Leben und Werk ganz wesentlich.

    Ausgehend von den USA (dort häufig schon in den 1970er Jahren), gab es seit den 1980er und dann verstärkt in den 1990er Jahren auch eine Aneignung von Emmy Noether (und anderen Naturwissenschaftlerinnen und Mathematikerinnen) durch die deutsche Frauenbewegung, wobei hier häufig die Frauenbeauftragten der Städte und Universitäten vorangingen. Würzburger Ausstellung so entstanden, 90 Jahre Ausstellung Frauenstudium in Göttingen (nur eine unter vielen):

  • 1987: 1987 kam die 1979 erstmals im San Francisco Museum of Modern Art gezeigte Ausstellung "The Dinner Party" der amerikanischen Künstlerin Judy Chicago (eigentlich Judith Cohen) nach Frankfurt. Dieses Werk, an dem hunderte Freiwillige beteiligt waren, ist jetzt permanent im Brooklyn Museum untergebracht. Es ist eine Hommage an die Geschichte der Frauen in Form eines dreieckigen Tisches, der mit symbolischen Tellern gedeckt ist, die 39 berühmte Ehrengäste repräsentieren. Diese 39 Frauen stehen wieder für eine Vielzahl anderer Frauen (insgesamt 999), für die kein eigenes Gedeck gestaltet wurde. Zu den als Nr. 33 von der englischen Ärztin Elizabeth Blackwell (1821-1910) repräsentierten Frauen gehört neben Sofja Kowalewskaja (der zweiten Frau mit einem Göttingen Bezug) auch Emmy Noether.
  • 1992: Zu Emmy Noethers 110. Geburtstag, brachte die feministische Zeitschrift EMMA einen großaufgemachten Artikel von Martina Sturm-Wende über Emmy Noether. Überflüssigerweise dichtete man ihr darin an, zu den unvermeidlich in allen populären Artikeln über sie erwähnten Sackkleidern auch noch Männerhüte getragen zu haben. Es gibt zwar tatsächlich ein Foto von Emmy Noether (meines Wissens ist es das einzige), auf dem sie einen Hut trägt, aber dies ist eindeutig kein Männerhut und so sicher, wie Emmy Noether keinen oder wenig Wert auf ihre äußere Erscheinung legte, so sicher ist auch, dass sie mit ihrem Aussehen und ihrer Kleidung nicht bewusst den Erwartungen der Männerwelt entgegentreten wollte. Sie hat sich im Gegenteil in vielerlei Hinsicht deren Erwartungen angepasst und taugt nicht zur feministischen Vereinnahmung.
  • 2002: In der von der feministischen Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch gestalteten Datenbank FemBIO (FrauenBiographieforschung) erschien zu ihrem 120. Geburtstag am 23. März 2002 als Frauen Biographie der Woche ein Artikel über Emmy Noether.

    Wissenschaftsjournalistische Veröffentlichungen

  • Würdigungen in den USA

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